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Baracoa

25. – 30. April 2017

Unsere nächste Etappe sollte uns nach Baracoa (nahe dem östlichen Ende Kubas) führen. Zurück aus Cayo Largo nahmen wir daher den (staatlichen, unfassbar stark klimatisierten) Viazul-Nachtbus nach Santiago de Cuba (Abfahrt in Havanna ca. 22 Uhr, Ankunft in Santiago de Cuba ca. 14.30 Uhr –> 16,5 Stunden Fahrt), von wo aus wir eine weitere gute Stunde mit einem Taxi nach Guantánamo fuhren. In der kleinen Stadt, deren Bekanntheit (neben dem Lied “Guantanamera”, das von hier stammt) eher aus der jüngeren, unschönen US-amerikanischen Geschichte herrührt, verbrachten wir den Nachmittag und die Nacht. Das ist natürlich nicht besonders viel Zeit. Da es jedoch nur wenige Touristen in der Stadt gibt, bekamen wir einen ganz guten Einblick in ein ursprünglicheres Kuba als auf den bisherigen Etappen unserer Reise. Das Abendessen inkl. Getränke kostete uns hier übrigens nur 2,50 CUC (inkl. einem üppigen Trinkgeld). Den streng abgeriegelten amerikanischen Sektor (mit dem wohl einzigen McDonalds und dem einzigen Starbucks auf der ganzen Insel) bekamen wir natürlich nicht zu sehen. Weder Kubaner noch Touristen werden auch nur ansatzweise in die Nähe der amerikanischen Basis gelassen.

Am nächsten Morgen nahmen wir dann den Bus zu unserem eigentlichen Ziel: Baracoa. Und in Baracoa hat die Reise für mich irgendwie eine Wendung genommen; ab hier haben wir (zumindest gefühlt) eine andere Art Kuba kennengelernt. Ein Kuba, das den Touristen etwas mehr als die klischeehafte Fassade zeigt. Ein Kuba, das sich seiner Stärken sehr bewusst ist, aber auch um seine Schwächen weiß. Es ist schwer zu beschreiben, was genau den Unterschied gemacht hat, denn wir haben auch viele differenzierte Sichtweisen und schöne Orte in den anderen Gegenden Kubas kennengelernt; in Baracoa (und ohne schon Zuviel vorwegzunehmen: auch im restlichen Osten von Kuba) wirkte aber alles ein bißchen authentischer, irgendwie “echter”. Wahrscheinlich ist diese Einschätzung unfair, denn möglicherweise ist das Leben aus verschiedenen Gründen in diesem Teil Kubas einfach ganz anders. Andererseits ist es nunmal der Eindruck, der bei mir entstanden ist (und nach wie vor weiter wächst).

Wenn man durch Baracoa spaziert, ist kaum zu glauben, daß ein Hurricane der Stärke 5 die Stadt im vergangenen Oktober beinahe zerstört hat. Für mehr als zehn Stunden fegte der Wirbelsturm Matthew am 4. Oktober 2016 mit 280km/h durch die Stadt und dann weiter über den östlichsten Teil Kubas hinweg und zerstörte u.a. ca. 80% der Dächer, viele viele Häuser, 500.000 Bäume, weitere mehrere hunderttausend Palmen und schnitt die gesamte Region zudem für mehrere Tage vom Strom ab. Glücklicherweise wurde niemand getötet – die wenigsten verstehen jedoch weshalb. Fatal war auch, dass die einzige Zufahrtsstraße (eine Brücke) zur Region des Nationalparks Alejandro Humboldt durch den Hurricane zerstört wurde und die Bevölkerung jenseits des Río Toa daher mehrere Wochen komplett vom restlichen Kuba abgeschnitten war. Auch der Transport von Hilfsgütern war dementsprechend für einige Zeit nicht möglich oder extrem schwierig. Mittlerweile wurde die Stadt bzw. die Region dank schneller, unbürokratischer und großzügiger Hilfe durch den Staat (Baumaterialien und Mikrokredite) und vor allem aufgrund des unermüdlichen Gemeinschaftsgeistes der Einwohner wieder weitgehend aufgebaut. Sicherlich sieht man an vielen Stellen noch, dass der Wiederaufbau noch nicht ganz abgeschlossen ist. Dennoch haben wir uns auf unserer Reise selten so willkommen und gleichzeitig “in-Ruhe-gelassen” gefühlt wie in Baracoa (obwohl ja gerade die Baracoaner unser Geld gut gebrauchen könnten).

In den knapp drei Tagen, die wir in Baracoa verbrachten unternahmen wir trotz häufigen Regens verschiedene Touren, unter anderem nach Boca de Yumurí, wo wir von unserem Führer Steve einiges über die lokale Flora und Fauna sowie über die Geschichte der Region lernten. In diesem Zusammenhang besuchten wir auch eine Kakaoplantage, lernten wie die lokale Schokolade hergestellt wird und bekamen die einzigartigen und nur in dieser Region lebenden polymitas (bunte, auf Bäumen lebende Schnecken) zu sehen. An unserem dritten Tag hatten wir außerdem besonderes Glück, da wir eher unverhofft dann doch noch eine Tour in den Nationalpark Alejandro Humboldt machen konnten, wegen dessen wir eigentlich überhaupt nach Baracoa gereist waren. Der Nationalpark, benannt nach dem Deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt, der hier mehrere Monate verbrachte, ist angeblich “Kubas beeindruckendster und facettenreichster Nationalpark”. Da die einzige Verbindungsbrücke jedoch durch den Hurricane zerstört und bislang nur eine provisorische Straße durch den Río Toa errichtet wurde, ist der Zugang, je nach Wasserstand des Flusses, nur eingeschränkt möglich.

Die Tour durch den Nationalpark war wirklich interessant (wir haben den kleinsten Frosch der Welt gesehen; Klaus hat ihn gefunden!), erneut sehr lehrreich und nicht zuletzt abenteuerlich! Beinahe hätten wir es nämlich nicht zurück über den Fluß geschafft, ohne dass unser Taxi von der Strömung mitgerissen worden wäre… Unser Fahrer hätte es wohl am liebsten gar nicht erst probiert. Die Anwohner am Fluß waren jedoch extrem zuversichtlich, dass die Überquerung ganz problemlos machbar sei… Nun ja, “ganz problemlos” wäre im Nachhinein nicht ganz meine Wortwahl, aber wir sind letztlich unversehrt auf der anderen Seite angekommen (nur das Nummernschild des Autos wurde durch die Strömung weggeschwemmt und ein bißchen Wasser ist in den Oldtimer eingetreten)… 🙂 Das erste, was unser Fahrer nach der Überquerung machte, waren jedenfalls zehn Kreuze und mehrere überschwängliche Dankes-Bekundungen an Gott und seinen 62(!) Jahre alten Plymouth. Im Nachhinein muss man sagen, dass wir wohl wirklich Glück hatten; zehn Minuten später wäre eine Überquerung an diesem Tag wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen.

Unser Abstecher nach Baracoa hat sich in jedem Fall sehr gelohnt! In der Stadt war es sehr angenehm, die Menschen waren sehr interessant, die Natur sehr vielfältig und das Essen war ungewöhnlich lecker für Kuba. Hier haben wir außerdem den besten Mojito getrunken und Klaus hat den Service eines kubanischen Friseurs in Anspruch genommen. Hier wurden wir aber auch zum ersten Mal nach Kugelschreibern und Seife gefragt, die wir natürlich bereitwillig verteilten, hatte ich doch vor unserer Abreise extra Stifte und Drogerieartikel zum Verschenken eingepackt. Ja, das ist auch eine Seite des kubanischen Sozialismus: freie Bildung, für die jedes Schulkind pro Jahr genau ein Heft und einen Stift bekommt.

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