Hershey Electric Railway

21. April 2017

Da wir unseren Mietwagen am Freitagvormittag spätestens um 10 Uhr wieder in Havanna abgeben mussten, machten wir uns am späten Donnerstagnachmittag auf den Weg dorthin. Für den Freitag hatten wir außerdem geplant die Jardines de Hershey und die ehemalige, mittlerweile zerfallene Hershey Zuckerfabrik in der Region Playa Jibacoa (ca. 45km östlich von Havanna) zu besuchen. Die Fabrik wurde 1916 vom amerikanischen Schokoladenmagnaten Milton Hershey eröffnet, der den Zucker zum Süßen seiner in den USA hergestellten Schokolade verwendete. Die Gärten hatte er in nur ca. 2km Entfernung von der Fabrik als Naherholungsgebiet anlegen lassen. Um Arbeiter und Waren zwischen Havanna, Mantanzas und der kleinen Stadt, die sich um die Fabrik entwickelt hatte, unkompliziert transportieren zu können, ließ er außerdem 1921 Schienen für Elektrozüge errichten und brachte so die Hershey Electric Railway zum Fahren. Der Zug wurde bald zum wichtigsten Verkehrsmittel der ländlichen Bevölkerung, war er doch das einzige Verkehrsmittel, das viele sonst weitgehend abgeschnittene Dörfer miteinander verband. Nachdem die Zuckerfabrik 1959 verstaatlicht wurde, erhielt sie den Namen Central Camilo Cienfuegos. Zug und Gärten haben jedoch ihren Ursprungsnamen bis heute behalten.

Nachdem wir unseren Mietwagen am Freitagmorgen abgegeben hatten, ließen wir uns von einem Lada-Taxi zu den Jardines de Hershey bringen (knapp 2 Stunden abenteuerliche Fahrt). Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Gärten nicht ganz unsere Erwartungen erfüllten. Große Teile der Areals waren nicht zugänglich und der zugängliche Teil bestand aus drei Restaurants (wovon eines super-laute Disco-Musik spielte), einem Spielplatz und einem Fluss mit Badebereich. Wir entschieden uns daher schon noch einer halben Stunde den Fußweg nach Camilo Cienfuegos anzutreten, um die Überreste der Zuckerfabrik anzuschauen und den Rückweg nach Havanna mit der Hershey Electric Railway zu bestreiten. Und letzteres war wirklich ein Erlebnis!

Der Zug sollte planmäßig um 13.24 Uhr abfahren; mit einer minimalen Verspätung von ca. 10min setzte sich das in der Region auch als “Kuh auf Gleisen” bekannte Gefährt in Gang. Nachdem wir den ersten Halt erfolgreich passiert hatten, dauerte es nur zehn weitere Minuten bis ein lauter Schlag zu hören war und der Zug um 13.52 Uhr mitten im Nirgendwo zum Stehen gebracht wurde. Ein entsprechender Geruch in der Luft ließ adhoc auf ein elektrisches Problem schließen, was kurze Zeit später durch das Zugpersonal bestätigt wurde. Ganz in kubanischer Manier wurde also die Werkzeugkiste ausgepackt (der Zug besaß eine ziemlich große…), Handschuhe wurden angezogen und zwei Männer kletterten mit einem Stück Draht auf’s Dach. Dank enorm geschäftigen Treibens, großer Bemühungen verschiedenster Menschen (darunter auch Passagiere) und dem sicherlich immensen kubanischen Improvisationstalent konnte das Problem am Stromabnehmer nach einer Stunde provisorisch behoben werden, sodass wir um 14.55 Uhr die Rückfahrt zum Ursprungs-Bahnhof antreten konnten, wo wir um 15.15 Uhr ankamen. Dort ging dann alles recht schnell: ein neuer Zug wurde bereitgestellt (das Problem war vorab über Funk kommuniziert worden), alles wurde umgeladen und um 15.28 Uhr (ca. 2 Stunden nach der ursprünglichen Abfahrt) starteten wir erneut unseren Rückweg nach Havanna. 🙂

Die Zugfahrt an sich war sehr interessant, weil wir einen Teil Kubas und vor allem Menschen zu sehen bekamen, den bzw. die wir sonst nicht gesehen hätten (übrigens für insgesamt 2,80 CUC). Der Zug wurde von Arbeitern als Transportmittel, für Familienbesuche und Reisetätigkeiten, als Waren- und Gütertransportmittel und letztlich auch als Kurierdienst verwendet. Menschen transportierten jede Menge Säcke voller Früchte und Gemüse, einige Flaschen und Kanister aber auch Vögel und sogar eine Ziege wurden mitgenommen. Manchmal hielt der Zug einfach irgendwo, etwas wurde abgeladen und wir fuhren weiter. Das Prozedere erinnerte mich ein bißchen an die Fahrten mit den lokalen Chicken Busses in Mittelamerika. 🙂

In Havanna kamen wir im Stadtteil Casablanca an und mussten noch eine Fähre nehmen, um über die Bucht zurück ins Zentrum der Stadt zu gelangen. Natürlich waren uns die enormen Gegensätze Havannas bzw. Kubas schon vor der Zugfahrt bewusst gewesen. Zurück in Havanna wurden diese aber nochmal besonders deutlich. Symbolisch dafür auch: eine alte Frau in der Hershey Electric Railway, die vielleicht zum ersten Mal gemeinsam mit ihrem Sohn mit dem alten Zug fährt, um das Enkelkind einige Siedlungen weiter zu besuchen und im Haven von Havanna riesige Luxus-Kreuzfahrtschiffe wiederum neben zerfallenen Gebäuden…

In Havanna haben wir am Donnerstag und Freitag übrigens in zwei Casas Particulares übernachtet, die mit jeweils 45 CUC zwar deutlich teurer waren als die casas auf dem Land, dafür jedoch in einer sehr guten Gegend von Havanna liegen (Botschaftsviertel) und deren Besitzerinnen extrem hilfsbereit und freundlich waren. Vielleicht werde ich meinen ersten Eindruck von Havanna also noch etwas korrigieren oder zumindest erweitern müssen. Wir werden sehen.
Zum Abschluss des Tages erfüllten wir uns noch den Wunsch einer Fahrt in einem gut erhaltenen Oldtimer durch die Stadt. Irgendwie gehören die klischeehaften Dinge schließlich auch dazu. Und abgesehen davon hat es wirklich Spaß gemacht. 🙂

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