Von Managua nach Bluefields und zurück

Obwohl es mir auf der Isla de Ometepe gut gefallen hat und ich gerne noch länger geblieben wäre, machte ich mich am Dienstagmorgen auf den Weg nach Managua, der Hauptstadt Nicaraguas. Ich hatte mich nämlich von Einheimischen überzeugen lassen, von dort aus nach Bluefields zu reisen; das heißt etwa 7 Stunden lang im Bus nach El Rama fahren und dann nochmal ca. 2 Stunden im Boot, um an die Karibikküste Nicaraguas zu gelangen. Und obwohl ich zugeben muss, dass ich zwischendurch doch das ein oder andere Mal an dieser Idee gezweifelt habe (zum Beispiel als ich am Donnerstagmorgen um 3.45 Uhr am Busbahnhof in Managua stand und sich herausstellte, dass der Bus nicht um 4 Uhr, sondern erst um 5 Uhr fährt oder auch als mir klar wurde, dass sich in Bluefields wohl kein einziger nicht-mittelamerikanischer Tourist außer mir aufhält), so bin ich jetzt doch sehr froh, dass ich gefahren bin. Denn viele Dinge/Menschen/Lebensarten hätte ich wahrscheinlich nicht gesehen, wenn ich nicht einen Tag lang im öffentlichen Bus (für $5) durch’s halbe Land und über die vielen kleinen armen (sehr armen!) Dörfer an die Karibikküste gefahren wäre.

So eine Reise kann durchaus ein Erlebnis sein, denn die (öffentlichen) Busfahrten laufen hier ganz anders ab, als das in den meisten europäischen Ländern der Fall ist. Man kann beispielsweise ein- und aussteigen, wo man möchte. Man muss dem Fahrer bzw. seinem Assistenten, der das Ein- und Aussteigen sowie die Gepäckverladung koordiniert, lediglich ein entsprechendes Zeichen geben und dann hält der Bus an. Auf diese Art und Weise werden beispielsweise auch Gepäck oder Waren (wie etwa ein Sack Zwiebeln oder eine Kisten Hühner, lebend) zu Verwandten durch’s Land geschickt. Entweder der Bus hält irgendwo in der Pampa an und schmeißt einen Sack raus (der Empfänger wird ihn dort schon irgendwann abholen) oder irgendwo in der Einöde wartet jemand am Straßenrand und nimmt ein Paket in Empfang. Natürlich gibt es auch planmäßige Halte. Abgesehen von neuen Passagieren, steigen dort dann üblicherweise auch jede Menge Verkäufer ein, die die Passagiere mit günstigem Essen und Getränken aber auch anderen Waren versorgen (wollen). Und wenn ich Essen sage, dann meine ich nicht nur fertig-verpackte Bananenchips oder Früchte, sondern auch beispielsweise mit warmem Käse, Salat und Salsa gefüllte Tortilla-Fladen, die direkt im Bus (stehend zwischen 50 anderen Passagieren) zubereitet werden. Das ist echt beeindruckend! Ebenso kann man aber auch sein Handy aufladen oder sich einen neuen Gürtel kaufen. :-)

Am liebsten würde ich euch jetzt hier tausend Fotos von diesen Eindrücken zeigen. Ich habe jedoch nur ganz ganz wenige in den letzten Tagen gemacht, denn in vielen Situationen hätte ich mich nicht wohl gefühlt, wenn ich meinen Foto raus geholt hätte, um die Armut der Menschen zu fotografieren. Und was noch viel entscheidender ist: ich glaube, die Menschen um mich herum hätten sich nicht mehr wohl gefühlt.

Mal von den visuellen Eindrücken abgesehen, habe ich aber auch wirklich viele Menschen auf dieser Fahrt kennengelernt, die mir einiges über ihr Leben und Nicaragua im Allgemeinen erzählt haben. Denn ganz anders als in Costa Rica und/oder Panama, sind die meisten Nicaraguaner überhaupt nicht scheu. Sie sind vielmehr interessiert und neugierig und setzen sich im Bus gern neben dich und erzählen dir ihre Lebensgeschichte oder fragen dich Löcher in den Bauch! Man muss allerdings des Spanischen mächtig sein, denn Englisch sprechen – vor allem auf dem Land – nur sehr sehr wenige. Besonders aufgefallen ist mir übrigens, dass sich nicaraguanische Frauen gerne zu Touristinnen setzen und über alles mögliche unterhalten. So habe ich beispielsweise gute zwei Stunden mit Jean gesprochen; einer außerordentlich netten Nicaraguanerin aus der Nähe von Bluefields, die mir letztlich sogar ihre Telefonnummer gegeben hat, damit ich sie anrufen kann, falls ich auf meiner weiteren Reise einem Problem begegne, das ich nicht selbst lösen kann! Aber auch in Bluefields selbst habe ich mich nach meiner anfänglichen Skepsis sehr wohl gefühlt; was im übrigen bisher für ganz Nicaragua gilt; Managua eingeschlossen. Nach meiner Rückkehr aus Bluefields nach Managua habe ich nämlich gute eineinhalb Tage zusammen mit Nick, einem netten Kanadier, den ich im Hostel kennengelernt habe, Managua zu Fuß erkundet. Wir waren beispielsweise auf dem Loma de Tiscape (um einen Überblick über die Stadt zu bekommen), in der Area Monumental (das Stadtgebiet, das 1972 von einem Erdbeben niedergestreckt wurde), am Lago de Managua und auch im Barrio Martha Quezales. Und wir haben uns beide zu keinem Zeitpunkt unsicher oder unwohl gefühlt. Auch nicht als wir durch die vom Lonely Planet genannten „unsicheren“ Gebiete gelaufen sind. Ganz im Gegenteil: die Menschen hier sind wirklich außerordentlich hilfsbereit. Sie geben sich beispielsweise meistens nicht damit zufrieden, einem den Weg zu erklären (wenn man danach fragt), sondern bestehen darauf, einen zu begleiten, damit sie auch sicher sein können, dass man sein Ziel findet. Natürlich sollte man bei einer solchen Städte-Tour-Zu-Fuß jedoch darauf achten, möglichst keine Wertsachen dabei zu haben und nichts, das schreit „Ich bin ein Tourist – es lohnt sich mich auszurauben!“. So hatten Nick und ich keine/n Tasche/Rucksack und auch keine Wertsachen dabei, sondern jeder nur etwa 150 Cordobas (Landeswährung) in seinen Hosentaschen (umgerechnet sind das etwa $6).

Ebenso beeindruckend (und auch überraschend) an Nicaragua finde ich, wie grün das Land in manchen Aspekten ist. Und das nicht nur im wörtlichen Sinne aufgrund der vielen vielen Bäume und Parks auch in den Städten (obwohl Trockenzeit ist!), sondern vor allem im bildlichen Sinne: fast überall sieht man Windkrafträder, deren Rotorblätter fleißig ihre Runden drehen. In Gesprächen mit hauptsächlich jungen Nicaraguanern (die Revolution und die katholische Kirche haben ihre Spuren hinterlassen: fast 70% aller Nicaraguaner sind jünger als 30 Jahre) habe ich erfahren, dass das wohl hauptsächlich daran liegt, dass man energietechnisch möglichst unabhängig sein will (preislich, ganz wichtig aber auch staatenbundlich); wieso also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Ein funktionierendes Abwassersystem (und damit meine ich eigentlich ein Klärsystem) fehlt allerdings noch! Und das ist ein durchaus gravierendes Problem! Denn momentan geht alles Abwasser entweder direkt in einen nahe gelegenen See, ins Meer oder versickert direkt vorm Haus in Richtung Grundwasser. Daher darf man auch in den meisten Seen nicht baden! Wenn ich das richtig verstanden habe, arbeitet die Regierung jedoch gerade an einem Konzept für ein tragfähiges Pilotprojekt.

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2 thoughts on “Von Managua nach Bluefields und zurück

  1. cereza sagt:

    Liebe Ines,
    wahrscheinlich hast du deine Route schon geplant. Was ich noch empfehlen kann, ist Granada und den Vulkan Mombacho. Mir persönlich hat Granada besser gefallen als Leon. Lag aber vielleicht daran, dass Granada kleiner und übersichtlicher ist. Ich finde es erstaunlich, dass du Nicaragua als grün empfindest. Ich war letztes Jahr im Mai dort und wir haben uns gewundert wo die Tiere noch irgendwas zum Fressen finden, da alles total ausgetrocknet war. Ich wünsch dir noch eine schöne Reise. Viele Grüße aus München

  2. Ines Veile sagt:

    Hi Steffi,
    Granada stand zwar schon auf dem Plan, aber grundsätzlich ist meine Route nur mäßig geplant, da ich flexibel bleiben möchte. Daher bin ich für Ideen und Vorschläge immer offen. :-)

    Wieso es momentan grün ist und bei dir letztes Jahr nicht grün war, weiß ich leider auch nicht. Aber Mai ist ja doch schon am Ende der Trockenzeit. Vielleicht sieht es hier in einem oder zwei Monaten ganz anders aus… Oder letztes Jahr war einfach grundsätzlich trockener als dieses… Keine Ahnung. Ich find’s momentan jedenfalls ziemlich schön hier. Schade, dass es bei dir nicht so grün war.

    Viele Grüße aus Granada, Ines

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